Andreas Flögel
Wissen Sie, was für mich das Schlimmste war, als ich aus heiterem Himmel zusammengeschlagen wurde?
Es war nicht die Ohnmacht, als ich am Boden lag und auch nicht der Krankenhausaufenthalt, der folgte. Ich hatte „Glück“ gehabt, der erste Schlag, direkt aufs Auge, hatte mich sofort ausgeknockt. So blieben mir weitere Schläge erspart. Die Platzwunde flickte man mit wenigen Stichen, der Jochbeinbruch stellte sich als unkompliziert heraus und das Auge erholte sich nach ein paar Tagen. Was meinen damals noch viel jüngeren Körper anging, war die Sache nach kurzer Zeit vergessen.
Ich selbst dagegen brauchte mehrere Jahre, um mich davon zu erholen. Noch viel später wechselte ich die Straßenseite, wenn ich abends allein unterwegs war und mir jemand entgegen kam. Ein ungutes Gefühl war mein ständiger Begleiter, von Zeit zu Zeit durch Panikattacken abgelöst, die mir die Luft nahmen. Das Schlimmste war der Verlust des Grundvertrauens, welches uns im normalen Leben davon ausgehen lässt, dass der Fremde, dem wir im Treppenhaus begegnen, nicht plötzlich mit einem Messer auf uns losgeht oder herumalbernde Teenager sich nicht automatisch als Schläger entpuppen.
Aus dieser Zeit stammt mein Interesse an Krimis, auch und gerade, weil sie von Gewalt, Mord und Totschlag handeln. Auf den ersten Blick vielleicht etwas verwunderlich, doch in einem Krimi hat das Geschehen in der Regel einen Grund. Der Ermittler deckt diesen im Rahmen seiner Untersuchungen auf. Keine Untat ohne Motiv. Das gilt nicht nur für die Erzählungen, in denen die Bibliothekarin den Mord im Landhaus aufklärt, sondern auch für die Storys der härteren Schule. Das macht Kriminalromane für mich zum richtigen Mittel gegen diese Angst vor dem Unvorhersehbaren.
All das liegt inzwischen lange Zeit zurück. Als es passierte, war ich noch Student in Karlsruhe, meiner Geburtsstadt. Das ungute Gefühl ist mit der Zeit verblasst, das Vertrauen längst wieder zurückgekehrt.
Heute lebe und arbeite ich seit vielen Jahren im Raum Frankfurt und dabei stört es mich nicht, dass diese Stadt mit den meisten Verbrechen pro Einwohner an erster Stelle der Kriminalstatistik in Deutschland steht. Das ist nur ein Aspekt der Stadt am Main. Ein zweifelhafter Ruhm, den sie der Tatsache verdankt, dass bei dieser Statistik weder die Masse der Berufspendler – von denen auch ich einer bin – noch das Passagieraufkommen auf Europas größtem Flughafen ausreichend gewürdigt wird.
Für mich ist Frankfurt eher die Silhouette aus Hochhäusern, von einer Mainbrücke aus gesehen, das Museumsufer, Ausstellungen und Galerien, interessante Architektur, Straußenwirtschaften, Äppelwoi und Grüne Soße. Trotz aller Statistik erwarte ich in dieser Stadt nicht mehr, aber auch nicht weniger Verbrechen als anderswo. Aufgrund der vielen unterschiedlichen Menschen, die hier zusammen leben, gehe ich sogar davon aus, dass es kein Verbrechen gibt, dass es in Frankfurt nicht gibt. Und das macht diese Stadt zu dem Schauplatz für Kriminalromane, wie auch andere Autoren schon gezeigt haben.
Denn das ist etwas, was mir von damals geblieben ist, die Liebe zu Krimis, das Interesse an den Motiven und den Beziehungen der Beteiligten.
Und wenn ich heutzutage, spätabends in einer S-Bahn allein mit jemandem sitze, den ich vorher auf dem Bahnhof in einer dunklen Ecke mit einer Spritze hantieren sah, dann hält sich meine Angst in Grenzen. Vielleicht will er mir die Brieftasche rauben, aber das wäre o.k., er hat zumindest einen Grund.
