Wolfgang Schroeder
Ich wurde in Berlin geboren und lebe in dieser Stadt seit nunmehr 48 Jahren.
Ihr verdanke ich meine Befreiung vom Wehrdienst, einen äußerst komplizierten Schien- und Wadenbeinbruch und eine besondere Fähigkeit, die man sich nur in einer Stadt wie Berlin aneignen kann: den siebten Sinn für Hundehaufen.
Besuch aus dem Rest der Republik wundert sich regelmäßig, wenn ich – mitten im Gespräch und gerade auf eine interessante architektonische Sehenswürdigkeit deutend – urplötzlich kurz zur Seite oder in die Höhe springe.
In der Regel wissen sie beim nächsten Schritt, warum ich diesen Satz gemacht habe.
Sie sollten jetzt aber nicht glauben, dass ich deshalb Hunde verabscheue. Ich mag sie nur einfach nicht, bin mehr der Katzentyp. Hunde gehören schließlich zu dieser Stadt genauso wie die Currywurst und der unübertroffene Charme der Berliner Taxifahrer.
Was mich an Berlin reizt, ist diese spannende Mischung aus Großstädtischem und Provinziellem. Es gibt nicht nur ein Berlin, sondern mindestens so viele, wie es hier Bezirke gibt. Berliner lieben nun mal ihren Kietz.
Wenn ein Berliner sagt, er fahre in die Stadt zum Shoppen, dann meint er damit meistens die jeweilige Einkaufsmeile seines Kietzes und nicht den Kurfürstendamm oder die Bereiche um den Alexanderplatz und den Hackeschen Markt. Diese Gegenden sind mittlerweile fest in der Hand der zahllosen Touristen.
Mich interessieren inzwischen ohnehin eher die ruhigeren Außenbezirke und die stillen Ecken Berlins. Wer jemals durch Lübars oder Schmöckwitz gefahren oder noch besser geradelt ist, käme niemals auf die Idee, sich immer noch in einer Großstadt mit mehreren Millionen Einwohnern zu befinden.
Und dann ist da natürlich noch die Seite Berlins, die Schriftsteller und speziell Krimi- und Thrillerautoren fasziniert. Hier gibt es auf einer Fläche von rund 890 km² Licht, Schatten und alle mögliche Grautöne dazwischen.
Dunkle Gassen wechseln sich mit taghell erleuchteten Autobahnen ab, verlassene Waldwege mit menschenüberfüllten Plätzen; nur in Berlin gibt es jede Menge Kneipen, in denen man auch noch um 4.00 Uhr morgens konspirative Treffen abhalten kann.
Diese besondere Atmosphäre hat schon immer deutsche und selbst ausländische Kriminalautoren inspiriert. Waren es vor der Wende meistens Agenten- und Spionagethriller, die in Berlin spielten, so ist nach dem Mauerfall die Nähe Berlins zu den neu gewonnenen östlichen Nachbarn eines der beherrschenden Themen geworden.
Organisierte Kriminalität, Zwangsprostitution, Autoschiebereien, Drogenschmuggel und Geldwäsche sind nur einige der Sujets, die den interessierten Schriftsteller hier geradezu anspringen. Die Stadt bietet mehr als genug kriminelle Energie, die man als Autor nur anzapfen muss.
Also mal ehrlich, warum sollten meine Krimis in einer anderen Stadt als Berlin spielen?
Wolfgang Schroeder
1961 in Berlin geboren, lebt mit Freundin und zwei Stubentigern in Berlin-Köpenick direkt am Wasser. Er schreibt seit zwei Jahren in verschiedenen Genres und hat seitdem mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Für den Wurdack-Verlag ist er Mitherausgeber einer Krimi-Kurzgeschichtensammlung, eine zweite ist derzeit in Arbeit. Zusammen mit der österreichischen Autorin Berta Berger betreut er darüber hinaus die Krimischiene des Wurdack-Verlages.
Er liebt Wassersport, Reisen, gutes Essen und angloamerikanische Krimis.
