Torsten Scheib
„Obwohl ich keinen Meter hinter ihm stand und es nur einer kurzen Hand- und noch kürzeren Fingerbewegung bedurft hätte, ihm den halben Schädel wegzublasen, schien er mich noch nicht bemerkt zu haben.“
Sind wir doch mal ehrlich – die Guten sind langweilig. Sie leben mustergültig, halten sich an die Gesetze, zahlen brav Steuern und waschen sich vor dem Essen die Hände. Gähn.
Doch wie verhält es sich mit den Anderen; mit Individuen, die sich fernab sämtlicher legaler Vorgaben bewegen und mittels ihrer kriminellen Energie den Lebensunterhalt bestreiten? Was sind das für Leute?
„Sicher, ich töte und beseitige Menschen – Männer – für Geld, aber ich bin kein gottverdammtes Monster.“
Der namenlose Protagonist meiner Erzählung „Trophäensammler“ ist ein solches Individuum. Er ist ein Auftragsmörder, ein Hitman, ein Profikiller. Und damit Teil einer Untergruppe, die vielleicht zu der größten Faszionsa der modernen Krimi- und Thrillerlandschaft gehört. Man denke nur an Luc Bessons wortkargen Profi namens Léon, den eiskalten Killer Chigurh aus Cormac McCarthys grandiosem Neo-Western „Kein Land für alte Männer“ oder den – eigentlich ungewollt – ständig gegen die Zeit ankämpfenden Chev Chelios in „Crank.“ Allesamt sind sie Männer, die ihren Opfern gnadenlos eine Kugel zwischen die Augen jagen würden und dafür auch noch meist fürstlich belohnt werden. Doch sind es wirklich samt und sonders ruchlose Gestalten, für die das Auslöschen eines Menschenlebens so banal erscheint wie dem Normalbürger das Erschlagen einer lästigen Fliege? Besitzen solche Typen tatsächlich kein Gewissen; keinen Moralkodex? Was treibt sie an? Wo kommen sie her? Und – sind sie tatsächlich die Spitze des Eisberges aus Gewalt und Tod?
„Wie ein TracFone genau funktioniert, hat Sie nicht zu interessieren.“
Schon sehr lange wollte ich in die Arbeits- und Gefühlswelt eines Profikillers eintauchen; den „Bad Guy“ gewissermaßen zum ungewollten Helden werden lassen. Das Resultat – den Mikrokosmos dieses Einzelgängers glaubhaft darzustellen – ist mir hoffentlich gelungen.
„Beim Anblick der tristen und scheinbar wahllos platzierten und zumeist selten passenden Gebäude und Hochhäuser fiel mir ungewollt der Vergleich mit dem Ewigen Zweiten ein.“
Oder anders formuliert: Willkommen in Ludwigshafen! Aber ist diese Stadt – meine Heimatstadt – wirklich so hässlich und trist, wie allgemein behauptet wird? Zugegeben, an die beiden anderen „Großen“ des Rhein-Neckar-Dreiecks, Mannheim und Heidelberg, wird Ludwigshafen wohl kaum jemals Anschluss finden. Doch entdeckt man auch hinter der Fassade aus Rauch spuckenden Türmen, in die Jahre gekommener Fabrikfronten und alles andere als taufrischer Hochhäuser eine gewisse urbane Schönheit und Oasen der Ruhe, die den vermeintlichen Vorurteilen ganz entschieden widersprechen. Orte, welche auch der namenlose Protagonist durchstreift – auch wenn sein Denken sicherlich zynischer und bedeutend voreingenommener ist. Dabei sind sich der Ort des Geschehens und der Protagonist meiner Geschichte gar nicht mal so unähnlich. Beide sind Exoten und Außenseiter – und beides wurde nun zusammengefügt. Zu Ihrer Unterhaltung, wie ich hoffe.
Torsten Scheib, geboren 1976 in Ludwigshafen, las schon immer gerne und viel – besonders Fantastisches. Zu seinen Lieblingsautoren zählen u.a. Stephen King, F. Paul Wilson, Robert R. McCammon und Richard Laymon. Seit 2002 schreibt er außerdem regelmäßig Erzählungen und Kurzgeschichten, die meistens im Horrorbereich ihre Wurzeln haben. Seine Story „Gute Ansätze“ aus der Anthologie „Disturbania“ belegte beim Vincent Preis den siebten Platz in der Kategorie „beste Horror-Kurzgeschichte deutschsprachig.“ Veröffentlichungen u.a. bei „Welt der Geschichten“, „Zwielicht“ und in den Anthologien „Nachts, wenn alle schlafen“, „Liberate Me“, „Creatures“ sowie „Mord in jeder Beziehung.“ Wer mehr über ihn erfahren möchte, kann dies gerne auf seiner Homepage tun: